Sonntag, 28. August 2016

Tag 6: Baja bis Bilje

Baja bis Bilje:

Es vergeht anscheinend wirklich kein Tag ohne Ereignisse!

Ich startete sehr früh, bereits um 7 Uhr 30 saß ich auf meinem Sattel! Aus Baja rauszufahren, war einfach. Ich musste nur Richtung Zentrum, dann sah ich sofort die EuroVelo 6 - Schilder bzw. meine grüne Linie auf meinem Navi. Dann ging es erst einmal einen Nebenfluss der Donau entlang, wobei ich auf die jeweiligen Sanddamm-Varianten verzichtete und auf der Straße blieb :-) Gebranntes Kind scheut das Feuer! Doch dann ging's doch auf einen asphaltierten Dammweg, an den ich mich noch aus dem Vorjahr erinnerte. Hier entstand letztes Jahr auch dieses Foto:


Es kam, wie es kommen musste. Mein Rad begann zu eiern, mein Tempo ließ nach. Kommt mir das nicht irgendwie bekannt vor? SCHMARREN! Mein hinterer Reifen verliert schon wieder Luft! Aufpumpen - weiterfahren - aufpumpen - weiterfahren. So ging es alle 2-3 km bis Mohacs. Ich machte mich schon mit dem Gedanken vertraut, in Mohacs ein Quartier zu suchen. Immerhin ist heute Sonntag. Wie soll ich heute einen Radlshop finden?

Bei Ujmohacs/Mohacs nahm ich die Fähre zum rechten Donauufer.

Fähre Ujmohacs/Mohacs - Juli 2015

Während der Überfahrt pumpte ich noch einmal meinen Reifen auf. Drüben angekommen quatschte ich gleich den nächstbesten Mann an, ob er eine Fahrradwerkstätte kennt. Ich war sofort umringt von Männern, Frauen, Kindern. Jeder überlegte, wie er/sie mir helfen konnte. Ein Mann mit Kind meinte schließlich, er kennt einen Fahrradmechaniker persönlich, er führt mich dort hin. Vielleicht haben wir Glück, und er ist daheim? Das ist nicht weit entfernt von der Fähre. Wir klopften und riefen - und der Mechaniker kam wirklich heraus (er wohnte im gleichen Haus). Er zerlegte mein Rad, klebte den kaputten Schlauch (der hatte wirklich 2 kleine Löcher), untersuchte die Innenseite des Mantels (!!!) und setzte mir einen neuen Schlauch ein. Dann baute er wieder alles zusammen und stellte noch meine Gangschaltung neu ein. Ich kaufte noch einen weiteren Schlauch. Somit hab ich jetzt einen geklebten Reserveschlauch, einen neuen Reserveschlauch und einen Reserveschlauch mit 2 Enden. 3 weitere Reifenpannen sind jetzt wieder möglich :-)

Die ganze Aktion hat mich 1 1/2 Stunden gekostet. Wie gut, dass ich schon um 7 Uhr 30 losgefahren bin!

Ab nun ging es auf der Straße weiter. Hier muss man recht großräumig Naturschutzgebiete an der Donau umfahren, so dass ich den Rest der Tagesetappe weit weg von der Donau unterwegs war. Meine Mittagspausen teilte ich mir heute auf mehrere Teile auf. Den ersten Teil bestehend aus Schinkenweckerl und Kaffee und 1 l Orangensaft "genoss" ich bei dem idyllischen Tankstellen-Café, das ich noch aus dem Vorjahr kannte. Danach ging's über die Grenze nach Kroatien.

Grenzübergang bei Udvar - Juli 2015

Grenzübergang bei Udvar - Juli 2015

Bei Topolje versuchte ich, meine zweite Mittagspause einzulegen. Zu essen gab es nichts, dafür bekam ich einen Löskaffee mit einem Glas Mineralwasser dazu. Auch gut. Nach Draz ging's 2 km bergauf. Ein Vorgeschmack auf die noch kommenden Steigungen. 127 Höhenmeter waren es immerhin! Aber jede Steigung hat einen großen Vorteil: danach geht's bergab. Und wie es bergab ging! Höchstgeschwindigkeit 40,5 km/h (mehr trau ich mich nicht :-))!

In Suza gönnte ich mir dann Mittagspause-Teil 3 mit Palatschinken und Kaffee :-)

An Lug und dem Hotel aus dem Vorjahr fuhr ich nur vorbei. Ich hatte bewusst ein Zimmer in Bilje gebucht, um die morgige Etappe zu verkürzen. Die nächsten beiden Tage werden sicher anstrengend werden. Zum einen stehen mir morgen und übermorgen ein paar kleine Steigungen bevor, zum anderen soll es ab morgen heiß werden.

Bisher waren die Temperaturen angenehm, wobei sie schon von Tag zu Tag gestiegen sind. Heute hatte ich bereits 31 Grad im Schatten um die Mittagszeit. Ich empfinde das noch immer als angenehm, wenn man vorher in der prallen Sonne unterwegs war. Aber mehr bräuchte ich jetzt nicht mehr. Die Vormittage waren bisher immer recht kühl bei 22-24 Grad.

Gesamtstrecke 104,39 km
Zeit in Bewegung 5 h 42'
Gesamtzeit 9 h 10'
noch einigermaßen angenehme Temperatur mit 26-31 °C (in der Früh: 19 °C)


Summe aller Steigungen: 165 m
Höhe Baja: 99 m ü NHN
Höhe Bilje: 84 m ü NHN

Tag 5: Solt bis Baja

Solt bis Baja:

Es vergeht anscheinend kein Tag ohne Ereignisse …

Aus Solt raus kam ich gleich auf einen gut ausgebauten und asphaltierten Radweg. An den kann ich mich noch von der Tour im Juli 2015 erinnern. In Harta war er nur kurz unterbrochen, bis Dunapataj fuhr ich auf asphaltiertem Radweg. Hier merkt man, dass die Bäume weniger werden und sich Steppenlandschaft breit macht: die ungarische Puszta.

Die Puszta ist eine Sekundärsteppe. Ursprünglich war hier das Land mit großen Waldgebieten bedeckt. Nach dem Einfall der Osmanen durch die türkische Besatzungsmacht 1526 wurden die Waldgebiete großflächig gerodet. Dadurch kam es zur Versumpfung des Landes. Bis ins 20. Jahrhundert wurde dieser mit einer großflächigen Trockenlegung begegnet, die wiederum zur Versteppung führte. Auch die Begradigung und Regulierung der Flüsse, die durch die Bodenveränderungen immer wieder über die Ufern traten, trug zu dieser Entwicklung bei. Das für die ursprüngliche Flora und Fauna endgültige Ende bedeuteten die Salzsteppen, wie sie heute für Hortobágy typisch sind. Die Bodenerosion trug dazu bei, dass heute unter sehr dünnen Humusdecken zumeist Sandschichten zu finden sind.

Nach Dunapataj ging's auf die Straße, allerdings waren es verkehrsberuhigte Straßen, die durch kleine Ortschaften führten. Und das fand ich auch ganz nett. Hier kam ich auch dieses Jahr vorbei:

Ordas - Juli 2015

Ordas - Juli 2015

In Foktö kaufte ich mir noch einen Liter Orangensaft, bevor ich vor der Entscheidung stand: nehm ich jetzt die Alternativroute?



Alternativroute - Juli 2015
oder den offiziellen Donauradweg?

der offizielle Donauradweg - Juli 2015

Ich entschied mich für den offiziellen Donauradweg (letztes Jahr fuhren wir die Alternativroute). Da ich wusste, dass dieser Abschnitt nicht lang ist (3,5 km), nahm ich die Damm-Schotter-Piste in Kauf. Bei Meszesidunapart hat man dann ohnehin die Möglichkeit, die Fähre nach Gerjen zu nehmen (wie letztes Jahr) oder auf dem offiziellen Donauradweg entlang des linken Donauufers zu bleiben. Mein Plan war eigentlich, das linke Donauufer weiter entlang zu fahren, da ich es noch nicht kannte. Ich schaute mir den Beginn dieser offiziellen Variante an und entschied: NEIN, heute nicht! Also zurück zur Fähre und rüber zum rechten Donauufer.

die Fähre bei Gerjen - Juli 2015

Die Alternativroute rechts ist zwar zu Beginn (10 km lang) ebenfalls ein Sanddammweg, aber ich hatte ihn noch als relativ gut befahrbar in Erinnerung. Auf jeden Fall kein Vergleich zu den holprigen Erfahrungen der letzten Tage!

Alternativroute rechtes Donauufer - Juli 2015

Nach diesen ersten 10 km kommt eine Abzweigung nach Dombori, das an einem abgetrennten Nebenarm der Donau liegt, wo ich Mittagspause machte. Nach dem Mittagessen ging's wieder zurück zum Damm, und ab hier ist der Dammweg asphaltiert. Bei Karasz wechselt man über eine Brücke noch einmal die Seite und fährt weiter auf asphaltiertem Radweg entlang des linken Donauufers bis Baja. Hach, wie schön :-)

10 km vor Baja hatte ich das Gefühl, ich werde langsamer. Das kann natürlich ein Zeichen von Schwächeln sein? Immerhin hab ich bereits über 500 km hinter mir. Dazu kam aber noch, dass mein Rad ein wenig eierte. Das kommt mir aber doch komisch vor? Ich stieg ab – und sah die Beschwerung. Mein hinterer Reifen ist WEICH! OH WEH! Ich pumpte den Reifen auf, hält der jetzt? Ich fuhr weiter, nach 2 km musste ich wieder nachpumpen. Das sieht nicht gut aus! Ich schaffte es mit mehrmaligem Nachpumpen bis Baja und machte mich auf die Suche nach einem Radlshop. Ich dachte mir, bevor ich selbst Hand anlege, hilft mir vielleicht eine Radwerkstatt? Dann muss ich auch nicht meinen Reserveschlauch opfern. Ich fand aber keine. Fragen bei Passanten ergaben "Heute ist Samstag, da haben die Werkstätten geschlossen. Montag wieder!"

Ich fuhr daher zur nächsten Tankstelle und versuchte dort mein Glück. "Ich kann nur Autos reparieren, keine Fahrräder." Also selbst Hand anlegen. Ich demontierte mein Rad auf dem Arreal der Tankstelle, packte mein Werkzeug und meinen Reserveschlauch aus und stellte mein Rad auf den "Kopf". Hinterrad ausbauen ging kinderleicht. Mantel aufmachen und Schlauch herausfischen hat ebenfalls geklappt. Neuen Schlauch einfädeln gelang mir auch. Dann kam der Tankwart mit der Pumpe und wir pumpten den Reifen gemeinsam auf.

Aber dann!!!

Ich konnte den Reifen nicht mehr einsetzen! Der Tankwart versuchte es. Ging auch nicht. Dann kam ein älterer Mann und gab Anweisungen. Wieder nichts. Dann kam ein Autofahrer, der gerade tanken wollte, und versuchte sein Glück. Wieder nichts. Ein weiterer Autofahrer kam dazu. Die diskutierten dann alle auf Ungarisch, was zu tun sei. Ich verstand kein Wort. Aber keiner hatte Erfolg. Dann stand auf einmal ein junger Mann da. Keine Ahnung, von wo der auf einmal auftauchte. Der nahm das Rad, legte die Kette richtig drüber, 2 Handgriffe, und drin war es. 1 ¼ Stunden dauerte die ganze Aktion! Ich war kohlrabenschwarz, musste mir zuerst die Hände waschen. Dann bepackte ich mein Rad wieder, bedankte mich und fuhr los. HALLELUJA! Wie gut, dass ich schon um 15 Uhr mitten in der Stadt war! Ich glaube, ich fahr in nächster Zeit keine Schotter-Pfad-Nirwana-Rumpel-Dammwege mehr …

In der Nähe sah ich einen Aldi und kaufte 2 l Wasser, 4 Bananen und 2 Äpfel für die nächsten 2 Tage ein. DANN kam die Geschichte mit dem Quartier.

Ich hatte am Vortag ein Zimmer in einer Pension gebucht. Die Übernachtung in Baja ist am Samstag, und da ist die Zimmersuche nicht so einfach. Aber ich fand Gott sei Dank ein Zimmer! Eine Stunde später kam eine E-Mail, dass ich keine Reservierung habe, bei Booking.com ist ein Fehler passiert. – Ich hab eine Buchung, die wurde bestätigt. – Nein, die Reservierung hat nicht geklappt. – Ich hab aber doch eine Buchungsnummer! – Ja, aber Sie haben kein Zimmer. Das wurde schon an Booking.com gemeldet.

Super! Also schaute ich wieder auf Booking.com und fand ein Appartement-Haus. Nehm ich halt ein ganzes Appartement, besser als gar nichts. Ich buchte und erhielt eine Buchungsbestätigung.

Das war - wie gesagt - alles am Vorabend.
Als ich nun beim Aldi stand, suchte ich mir die Adresse heraus und gab sie ins Navi zur Adresssuche ein. Nur 1,3 km entfernt. Ist ja super! Ich hab nicht mehr weit! Ich fuhr hin – Apartman sowieso – läutete an. Keiner reagierte. Das Haus sah eher abbruchreif aus, der Verputz bröckelte von den Wänden, die Rollläden waren zu. Sehr komisch. Ich läutete bei den Nachbarn: "Da ist niemand, die sind weg. Auf Urlaub." Weia… Am Ende der Straße fand ich ein Motel – alles ausgebucht. Um die Ecke fand ich ein weiteres Appartement-Haus. – Wir sind ausgebucht.

Als ich wieder auf mein Rad steigen wollte, meinte die Frau: "Moment, Moment, Mann fragen." Dann kam sie wieder und winkte mich herein. Sie bot mir das Zimmer ihrer Kinder an, die nicht mehr im Haus wohnen! Ich pack's noch immer nicht. Die Frau kann weder deutsch, noch englisch. Aber mit Zeichensprache und ein paar Brocken kauderwelsch hat sie sich verständlich gemacht. Sie griff dann zum Handy, rief ihren Schwiegersohn an, der dann per Handy alles übersetzte. Und ich hatte ein Zimmer!

Sie kochte mir Kaffee und bot mir Kekse dazu an, brachte mir einen Krug Wasser und Apfelsaft, außerdem eine Schale mit Obst. Sie kochte Gulasch zum Abendessen für mich!!!! Und morgen gibt's um 7 Uhr Frühstück. Alles für umgerechnet 18 Euro. Nur Internet hat sie nicht. Das ist der Grund, warum ich heute nicht Blog schreiben konnte.

(Ich hab mir gestern Abend noch diesen Text zusammengeschrieben, damit ich ihn jetzt nur noch hineinkopieren musste :-))

Gesamtstrecke 96,17 km
Zeit in Bewegung 5 h 13'
Gesamtzeit 8 h 37'
wieder angenehme Temperatur mit 26-29 °C (in der Früh: 19 °C)


Summe aller Steigungen: nicht der Rede wert
Höhe Solt: 109 m ü NHN
Höhe Baja: 99 m ü NHN