Sonntag, 28. August 2016

Tag 5: Solt bis Baja

Solt bis Baja:

Es vergeht anscheinend kein Tag ohne Ereignisse …

Aus Solt raus kam ich gleich auf einen gut ausgebauten und asphaltierten Radweg. An den kann ich mich noch von der Tour im Juli 2015 erinnern. In Harta war er nur kurz unterbrochen, bis Dunapataj fuhr ich auf asphaltiertem Radweg. Hier merkt man, dass die Bäume weniger werden und sich Steppenlandschaft breit macht: die ungarische Puszta.

Die Puszta ist eine Sekundärsteppe. Ursprünglich war hier das Land mit großen Waldgebieten bedeckt. Nach dem Einfall der Osmanen durch die türkische Besatzungsmacht 1526 wurden die Waldgebiete großflächig gerodet. Dadurch kam es zur Versumpfung des Landes. Bis ins 20. Jahrhundert wurde dieser mit einer großflächigen Trockenlegung begegnet, die wiederum zur Versteppung führte. Auch die Begradigung und Regulierung der Flüsse, die durch die Bodenveränderungen immer wieder über die Ufern traten, trug zu dieser Entwicklung bei. Das für die ursprüngliche Flora und Fauna endgültige Ende bedeuteten die Salzsteppen, wie sie heute für Hortobágy typisch sind. Die Bodenerosion trug dazu bei, dass heute unter sehr dünnen Humusdecken zumeist Sandschichten zu finden sind.

Nach Dunapataj ging's auf die Straße, allerdings waren es verkehrsberuhigte Straßen, die durch kleine Ortschaften führten. Und das fand ich auch ganz nett. Hier kam ich auch dieses Jahr vorbei:

Ordas - Juli 2015

Ordas - Juli 2015

In Foktö kaufte ich mir noch einen Liter Orangensaft, bevor ich vor der Entscheidung stand: nehm ich jetzt die Alternativroute?



Alternativroute - Juli 2015
oder den offiziellen Donauradweg?

der offizielle Donauradweg - Juli 2015

Ich entschied mich für den offiziellen Donauradweg (letztes Jahr fuhren wir die Alternativroute). Da ich wusste, dass dieser Abschnitt nicht lang ist (3,5 km), nahm ich die Damm-Schotter-Piste in Kauf. Bei Meszesidunapart hat man dann ohnehin die Möglichkeit, die Fähre nach Gerjen zu nehmen (wie letztes Jahr) oder auf dem offiziellen Donauradweg entlang des linken Donauufers zu bleiben. Mein Plan war eigentlich, das linke Donauufer weiter entlang zu fahren, da ich es noch nicht kannte. Ich schaute mir den Beginn dieser offiziellen Variante an und entschied: NEIN, heute nicht! Also zurück zur Fähre und rüber zum rechten Donauufer.

die Fähre bei Gerjen - Juli 2015

Die Alternativroute rechts ist zwar zu Beginn (10 km lang) ebenfalls ein Sanddammweg, aber ich hatte ihn noch als relativ gut befahrbar in Erinnerung. Auf jeden Fall kein Vergleich zu den holprigen Erfahrungen der letzten Tage!

Alternativroute rechtes Donauufer - Juli 2015

Nach diesen ersten 10 km kommt eine Abzweigung nach Dombori, das an einem abgetrennten Nebenarm der Donau liegt, wo ich Mittagspause machte. Nach dem Mittagessen ging's wieder zurück zum Damm, und ab hier ist der Dammweg asphaltiert. Bei Karasz wechselt man über eine Brücke noch einmal die Seite und fährt weiter auf asphaltiertem Radweg entlang des linken Donauufers bis Baja. Hach, wie schön :-)

10 km vor Baja hatte ich das Gefühl, ich werde langsamer. Das kann natürlich ein Zeichen von Schwächeln sein? Immerhin hab ich bereits über 500 km hinter mir. Dazu kam aber noch, dass mein Rad ein wenig eierte. Das kommt mir aber doch komisch vor? Ich stieg ab – und sah die Beschwerung. Mein hinterer Reifen ist WEICH! OH WEH! Ich pumpte den Reifen auf, hält der jetzt? Ich fuhr weiter, nach 2 km musste ich wieder nachpumpen. Das sieht nicht gut aus! Ich schaffte es mit mehrmaligem Nachpumpen bis Baja und machte mich auf die Suche nach einem Radlshop. Ich dachte mir, bevor ich selbst Hand anlege, hilft mir vielleicht eine Radwerkstatt? Dann muss ich auch nicht meinen Reserveschlauch opfern. Ich fand aber keine. Fragen bei Passanten ergaben "Heute ist Samstag, da haben die Werkstätten geschlossen. Montag wieder!"

Ich fuhr daher zur nächsten Tankstelle und versuchte dort mein Glück. "Ich kann nur Autos reparieren, keine Fahrräder." Also selbst Hand anlegen. Ich demontierte mein Rad auf dem Arreal der Tankstelle, packte mein Werkzeug und meinen Reserveschlauch aus und stellte mein Rad auf den "Kopf". Hinterrad ausbauen ging kinderleicht. Mantel aufmachen und Schlauch herausfischen hat ebenfalls geklappt. Neuen Schlauch einfädeln gelang mir auch. Dann kam der Tankwart mit der Pumpe und wir pumpten den Reifen gemeinsam auf.

Aber dann!!!

Ich konnte den Reifen nicht mehr einsetzen! Der Tankwart versuchte es. Ging auch nicht. Dann kam ein älterer Mann und gab Anweisungen. Wieder nichts. Dann kam ein Autofahrer, der gerade tanken wollte, und versuchte sein Glück. Wieder nichts. Ein weiterer Autofahrer kam dazu. Die diskutierten dann alle auf Ungarisch, was zu tun sei. Ich verstand kein Wort. Aber keiner hatte Erfolg. Dann stand auf einmal ein junger Mann da. Keine Ahnung, von wo der auf einmal auftauchte. Der nahm das Rad, legte die Kette richtig drüber, 2 Handgriffe, und drin war es. 1 ¼ Stunden dauerte die ganze Aktion! Ich war kohlrabenschwarz, musste mir zuerst die Hände waschen. Dann bepackte ich mein Rad wieder, bedankte mich und fuhr los. HALLELUJA! Wie gut, dass ich schon um 15 Uhr mitten in der Stadt war! Ich glaube, ich fahr in nächster Zeit keine Schotter-Pfad-Nirwana-Rumpel-Dammwege mehr …

In der Nähe sah ich einen Aldi und kaufte 2 l Wasser, 4 Bananen und 2 Äpfel für die nächsten 2 Tage ein. DANN kam die Geschichte mit dem Quartier.

Ich hatte am Vortag ein Zimmer in einer Pension gebucht. Die Übernachtung in Baja ist am Samstag, und da ist die Zimmersuche nicht so einfach. Aber ich fand Gott sei Dank ein Zimmer! Eine Stunde später kam eine E-Mail, dass ich keine Reservierung habe, bei Booking.com ist ein Fehler passiert. – Ich hab eine Buchung, die wurde bestätigt. – Nein, die Reservierung hat nicht geklappt. – Ich hab aber doch eine Buchungsnummer! – Ja, aber Sie haben kein Zimmer. Das wurde schon an Booking.com gemeldet.

Super! Also schaute ich wieder auf Booking.com und fand ein Appartement-Haus. Nehm ich halt ein ganzes Appartement, besser als gar nichts. Ich buchte und erhielt eine Buchungsbestätigung.

Das war - wie gesagt - alles am Vorabend.
Als ich nun beim Aldi stand, suchte ich mir die Adresse heraus und gab sie ins Navi zur Adresssuche ein. Nur 1,3 km entfernt. Ist ja super! Ich hab nicht mehr weit! Ich fuhr hin – Apartman sowieso – läutete an. Keiner reagierte. Das Haus sah eher abbruchreif aus, der Verputz bröckelte von den Wänden, die Rollläden waren zu. Sehr komisch. Ich läutete bei den Nachbarn: "Da ist niemand, die sind weg. Auf Urlaub." Weia… Am Ende der Straße fand ich ein Motel – alles ausgebucht. Um die Ecke fand ich ein weiteres Appartement-Haus. – Wir sind ausgebucht.

Als ich wieder auf mein Rad steigen wollte, meinte die Frau: "Moment, Moment, Mann fragen." Dann kam sie wieder und winkte mich herein. Sie bot mir das Zimmer ihrer Kinder an, die nicht mehr im Haus wohnen! Ich pack's noch immer nicht. Die Frau kann weder deutsch, noch englisch. Aber mit Zeichensprache und ein paar Brocken kauderwelsch hat sie sich verständlich gemacht. Sie griff dann zum Handy, rief ihren Schwiegersohn an, der dann per Handy alles übersetzte. Und ich hatte ein Zimmer!

Sie kochte mir Kaffee und bot mir Kekse dazu an, brachte mir einen Krug Wasser und Apfelsaft, außerdem eine Schale mit Obst. Sie kochte Gulasch zum Abendessen für mich!!!! Und morgen gibt's um 7 Uhr Frühstück. Alles für umgerechnet 18 Euro. Nur Internet hat sie nicht. Das ist der Grund, warum ich heute nicht Blog schreiben konnte.

(Ich hab mir gestern Abend noch diesen Text zusammengeschrieben, damit ich ihn jetzt nur noch hineinkopieren musste :-))

Gesamtstrecke 96,17 km
Zeit in Bewegung 5 h 13'
Gesamtzeit 8 h 37'
wieder angenehme Temperatur mit 26-29 °C (in der Früh: 19 °C)


Summe aller Steigungen: nicht der Rede wert
Höhe Solt: 109 m ü NHN
Höhe Baja: 99 m ü NHN

2 Kommentare:

  1. Spannend geht's da zu! Aber es ist schön zu sehen, dass es immer wieder so hilfsebereite Menschen gibt die ihr möglichstes tun. Ich hoffe, die Räder halten jetzt für eine Weile!
    Alena

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  2. ich war schon sehr oft in den Ost-Ländern unterwegs und hab immer wieder festgestellt wie hilfsbereit dort alle sind. Auch wenn man sich sprachlich nicht verständigen kann, versuchen sie immer alles um trotzdem helfen zu können
    Gaby - ganz viel Spass, Glück und vor allem Gesundheit auf Deinem weiteren Weg !!!!
    LG Claudia

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